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Die Kirche ‘Unser Lieben Frauen am Berge’ oder auch Berg- oder Oberkirche in Bad Frankenhausen wurde am 25.04.1382 als Basilika im gotischen Stil fertig
gestellt. Die Brüderschaft ‘Corporis Christi’ (Leichnam Christi) ließ sie auf den Fundamenten einer verfallenen romanischen Anlage errichten. Lange Zeit bestimmte die Oberkirche das Bild Frankenhausens dominanter
als die - ehemals zahlreichen - anderen Kirchen der Stadt. Der älteste Teil des Kirchenschiffes war als Gewölbebau und mehrschiffiges Langhaus ausgeführt. Spitzbogige gotische Fenster und Türen zierten das Bauwerk.
Der Turm hatte ursprünglich ein spitz zulaufendes Dach mit vier kleinen Seitentürmen. Zu ihren Glanzzeiten besaß die Oberkirche viele Altäre und verfügte über hohe Einkünfte.
Im Verlauf des Bauernaufstandes, dessen Schlacht bei Frankenhausen am 15.Mai 1525 oberhalb der Stadt tobte, wurde die Oberkirche beschädigt und geplündert. Die im Grunde Luthers Wirken gewogenen Schwarzburger Grafen versuchten - beeindruckt durch den Bauernkrieg und die Schlacht bei Frankenhausen - die Umsetzung der Reformation in ihren Landen zu unterbinden. Deshalb erlangten ihre Untertanen in dieser Region erst 1539 ihre Religionsfreiheit. Im gleichen Jahr fand in der Oberkirche der letzte katholische Gottesdienst statt. Erst danach wurde der erste protestantische Geistliche an die Kirche berufen.
Im Jahr 1559 wurde die große Glocke der St. Jacob-Pfarrkirche, die nach einem Brand 1546 stark beschädigt und 1557 abgerissen wurde, auf den Oberkirchturm aufgezogen.
Im Dreißigjährigen Krieg
(1618-48) wurde die Oberkirche - besonders während der dreitägigen Plünderung vom 21.-24.10.1632 - erneut geplündert. In diese Zeit fällt auch ein Mord, der in der Oberkirche erfolgte: Der Frankenhäuser Rittmeister
Weidenbach erschoss am 11.12.1642 seinen Nebenbuhler Caspar Gerlach während einer Predigt. Bereits im Jahre 1692 wird dokumentiert, dass die Kirche sehr baufällig gewesen sein soll und eine Ausbesserung zwingend
erforderlich war. Mangelnde Mittel waren die Ursache für eine sehr schleppende Sanierung, bei der das Bauwerk zudem rücksichtslos verunstaltet wurde und seine frühere Großartigkeit verlor. Besonders der Anblick von
der Südseite zeugt noch heute von den regellos durchgeführten Veränderungen. Erst 1724 konnte die erste Leichenpredigt in der sanierten Kirche gehalten werden, die am 14.09.1727 wieder eingeweiht wurde.
Im
Siebenjährigen Krieg (1756-1763) wurde die Kirche durch durchziehende Truppen ein weiteres Mal geplündert. Am 27.05.1759 fiel die Spitze des Oberkirchturms einem der vielen Stadtbrände zum Opfer. Ein Übergreifen auf
das gesamte Kirchengebäude konnte zwar verhindert werden, aber Übereifrige richteten großen Schaden an, als sie die Pfeifen der Orgel herausrissen, um sie vor den Flammen zu retten. Bereits am 13.Juli 1760 wurde mit
dem Neubau des oberen Turmteils begonnen, der am 22.08.1761 als barocker Bau beendet wurde. Dabei wurde der damals schon vorhandenen Schiefstellung des Turms bautechnisch entgegen gewirkt. Die bei dem Brand
vernichteten Glocken wurden 1765 ersetzt.
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Oberkirche Bad Frankenhausen (Südseite) Stand: Sommer 2005 |
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Oberkirche um 1920 aus südöstlicher Richtung Foto: Martin Gaerth, Sondershausen |
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Während des französischen Eroberungsfeldzuges 1806 erlitt die Kirche neue Schäden, als 2678 gefangene Preußen unter der Bewachung von 300 Franzosen
nach Frankenhausen gebracht wurden und Ober- und Unterkirche der Stadt als Gefangenenlager missbraucht wurden. Das Kircheninnere war anschließend sanierungsbedürftig und die Orgel unbrauchbar. Eine neue Orgel und
die notwendige Sanierung wurden durch Spenden finanziert und die neue Orgel am 01.05.1867 geweiht.
Im Jahr 1908 hat die Schrägstellung der Kirche durch einen Erdfall ca. 400 m östlich (im Bereich Friedhof Ostseite) mit starker Absackung von Erdmassen und Wasserabfluss enorm zugenommen. Erste Baumaßnahmen zur Absicherung der Schiefstellung des Oberkirchturmes wurden 1911 durchgeführt. Dabei wurden vor der Nordostecke zwei ca. 11m hohe Strebpfeiler aus Sandsteinquadern mit Beton- und Steinfüllung errichtet, die der Neigung des Turms entgegenwirken sollten, aber leider nicht den erwünschten Effekt erzielten. Ebenso wurden aufgetretene Risse im Mauerwerk abgedichtet. Nach diesen Erhaltungsmaßnahmen wurde die Kirche am 08.10.1911 neu geweiht. Die große Glocke fiel 1917 zusammen mit der mittleren Glocke dem 1. Weltkrieg zum Opfer. Die verbliebene kleine Glocke wurde nach dem ersten Weltkrieg durch den so genannten Seier der Gottesackerkirche (1971 abgerissen, ehemaliger Standort im heutigen Botanischen Garten) ergänzt.
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Wenn die Zunahme der Schrägstellung des Oberkirchturms nicht gestoppt werden kann, wird in wenigen Jahren das Wahrzeichen der Stadt
Bad Frankenhausen verschwunden sein. Die nebenstehende Animation zeigt die dann zu erwartende Lücke im Frankenhäuser Stadtbild.
Im Februar 2007 wurde der Auftrag zur Stabilisierung
des Oberkirchturms erteilt. Durch die komplizierte Untergrundbeschaffenheit konnte der ursprünglich geplante Bauabschluss (Frühjahr 2008) nicht eingehalten werden.
kein Flash?
Oberkirche mit bzw. ohne Kirchturm
(nicht animiert)
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Im Frühjahr 1920 wurden erstmals Bohrungen zur Untersuchung der Untergrundverhältnisse durchgeführt. Dabei wurde eine Neigung des Turms gegen die
Senkrechte von 5 cm auf 1m Höhe festgestellt. 1925 wurde das Gebäude wegen Einsturzgefahr baupolizeilich gesperrt und der Abriss erwägt. Ein Kostenvoranschlag aus dieser Zeit ergab, dass die Kosten für Abriss oder
Sanierung etwa gleich hoch sein würden.
Prof. Rüth aus Dresden veranlasste zwischen September 1935 und März 1936 erfolgreiche Erhaltungsmaßnahmen an der Oberkirche: Ringanker aus Flacheisen wurden um den Turm
gelegt und verankerten ihn von nun an mit dem Langhaus. Anschließend wurde der Ostgiebel der Kirche abgerissen, da er durch die unter ihm hindurchführende Erdspalte stark gerissen und verschoben war. Er wurde durch
einen in Leichtbauweise errichteten Giebel aus Bimsbeton-Hohlblocksteinen mit Eisenbetonskelett ersetzt. Am 27.Juni 1937 fand der Einweihungsgottesdienst in der wiederhergestellten Oberkirche statt.
Gegen
Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Oberkirche als Arsenal der SS benutzt. Nachdem die Alliierten Truppen die dort gehorteten Güter im Frühjahr 1945 zur Verteilung freigaben, wurde die Kirche durch den Ansturm
der Bevölkerung erneut geplündert. Orgel, Fenster und Kircheninneres wurden dabei stark zerstört.
1952 erhielten Turm und die Südseite des Kirchenschiffes eine neue Schiefereindeckung. Wegen starkem
Schwammbefall musste das Kirchendach jedoch schon 1962 wieder abgetragen werden.
1984 wurde die gesamte Kirche durch die Staatliche Bauaufsicht des Kreises Artern gesperrt. Aus Sicherheitsgründen wurde der
Abriss der barocken Turmhaube gefordert. Da kein Baubetrieb im ehemaligen Kreis Artern über entsprechende Gerüstkapazitäten oder Kräne verfügte, konnte der Abriss nicht erfolgen.
Nach erneuten
Sicherungsmaßnahmen am Turm konnte die Vollsperrung am 09.09.1993 in eine Teilsperrung umgewandelt und am 12.09.1993 der erste Gottesdienst in der Ruine der Oberkirche abgehalten werden. Zwischen 1999 und 2001
wurden weitere Maßnahmen zur Turmstabilisierung durchgeführt.
Nach letzten Messungen erreicht der etwa 2800 Tonnen schwere Turm der Oberkirche eine Neigung von ca. 4,76° (bezogen auf die Gesamthöhe; der
Turmschaft neigt sich jedoch 5,37°; da die Turmhaube von 1761 bewusst gegenläufig schief aufgesetzt wurde). Die Spitze des 56 m hohen Turms ist damit 4,41 m in Richtung NO außer Lot (Stand: Oktober 2007).*) Derzeit neigt sich der Oberkirchturm pro Jahr durchschnittlich 55 mm (knapp 6 cm)
mehr. Ursache sind vorrangig Senkungserscheinungen östlich des Kirchturms. Außerdem wurde ein größerer Hohlraum (Höhe 2,5 m; Volumen 90-100 m³) nordwestlich des Turmes festgestellt. Nach größeren Niederschlägen kann
mit 4- bis 6- wöchiger Verzögerung eine erhöhte Turmneigung beobachtet werden. Im August 2007 wurde bei Erkundungsbohrungen in 25 m Tiefe unter dem Turm Sole angetroffen, die in ihrer Zusammensetzung der Sole der
160 m entfernten Elisabethquelle im Quellgrund entspricht. Durch Einbringen von Farbstoff in die Wasser führenden Schichten unter der Kirche konnte eine direkte Verbindung mit der Elisabethquelle nachgewiesen werden (Farbaustritt an der Quelle 2 Stunden nach Einbringung an der Oberkirche).
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Oberkirche Innenansicht 1937-44 **)
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Gotische Sonnenuhr am Südportal Jahreszahl 1505 (2004 unter Verputz entdeckt) Zustand vor der Restaurierung 2006 |
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Der am 16.Mai 1992 gegründete Förderverein Oberkirche Bad Frankenhausen e.V. engagiert sich für den Erhalt der gefährdeten Ruine.
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Die Neigung vom ‘schiefen Kirchturm von Bad Frankenhausen’ im Verlauf der Zeit:
- 1640 : Schiefstellung erstmals erwähnt
- 1920 : 2,21m - 1960 : 3,60 m - 2001 : 3,89 m - 2005 : 4,22 m (Oktober 2005) - 2007 : 4,30 m (Februar 2007) - 2007 : 4,41 m (Oktober 2007)
Es wird vermutet, dass der Turm eine Neigung von 7 m verkraften könnte. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob diese Theorie stimmt...
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*) als Vergleich: der Turm von Pisa hat eine Neigung von ca. 4°.
**) Foto mit freundlicher Genehmigung des Fördervereins Oberkirche Bad Frankenhausen e.V.
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